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„Start-ups sind unser wichtigster Rohstoff“
Daniel Kraft hat selbst mehrere Start-ups gegründet und will Oldenburg zur gründerfreundlichsten Stadt der Welt machen. Im Interview und bei Growmorrow spricht er über seine Vision für den Gründungsstandort Oldenburg.
Er hat fünf Firmen gegründet und einen Börsengang mitgemacht. Heute gibt Daniel Kraft seinen Erfahrungsschatz als Coach an junge Gründerteams weiter. Im Interview erklärt er, warum er Start-ups für die Basis unseres Wohlstands hält – und wo Oldenburg als Gründerstadt noch besser werden muss. Wie in der Start-up-Szene üblich, ist er sofort beim Du.
Daniel, du hast die unbescheidene Vision, Oldenburg zur gründerfreundlichsten Stadt der Welt zu machen. Was kann Oldenburg Gründern bieten, was San Francisco nicht hat?
Daniel Kraft | Wir werden natürlich nie die größte Gründerstadt der Welt werden, aber wir können ein besonders gründerfreundliches Umfeld schaffen, in dem sich Start-ups auf Anhieb wohlfühlen. Wenn Gründerinnen und Gründer von der A 28 abfahren, finden sie hier sofort einen Coworking-Space, sie bekommen umgehend einen Termin beim Notar, ihre GmbH oder UG kann direkt an den Start gehen, und vielleicht tauschen sie sich beim Start-up-Stammtisch auf dem Weihnachtsmarkt mit dem Oberbürgermeister aus. Diese Nähe gibt es nicht überall.
Klein, aber fein?
Daniel | Persönlich und fein. San Francisco und das Silicon Valley arbeiten mit Masse. Von 1000 Gründerteams schafft vielleicht eines den Durchbruch, die anderen verschwinden. Niemand spricht dort mit dem Bürgermeister über seine Sorgen und Wünsche, und das liegt nicht daran, dass San Francisco womöglich gar keinen Weihnachtsmarkt hat. In Oldenburg müssen wir die Gründerinnen und Gründer absolut in den Mittelpunkt stellen und ihnen und ihren Geschäftsideen jede denkbare Anerkennung und die Hilfe geben, damit es so viele schaffen wie möglich.
Warum sind Start-ups so wichtig?
Daniel | Weil Gründerinnen und Gründer der wichtigste Rohstoff sind, den wir haben. Sie erschaffen die Geschäftsmodelle der Zukunft. Oldenburg und der Nordwesten haben einen überdurchschnittlich hohen Anteil an öffentlichen Unternehmen und Institutionen – Klinikum, Uni, Polizei oder auch die EWE mit ihren kommunalen Anteilseignern. Dort wird tolle Arbeit geleistet, aber die Polizeireviere und Krankenhäuser zahlen nicht die Steuern, aus denen unsere Infrastruktur finanziert wird. Die Wertschöpfung entsteht in den privaten Unternehmen.
Wie gut ist Oldenburg als Gründerstadt aktuell aufgestellt?
Daniel | Die grundlegende Infrastruktur ist gut, gerade in der Frühphase von Start-ups. Wir waren bundesweit sogar schon in den Top Ten, aktuell sind wir aber wieder herausgefallen. Das sagt allerdings wenig über die Qualität einer Stadt, weil die Gesamtzahlen so klein sind. Zwei, drei Gründungen mehr oder weniger in einem Jahr können die Position im Ranking stark verändern. Woran man schon das Grundproblem sieht: Wir haben zu wenig Gründungen. Wir müssen mehr Menschen ermutigen, diesen Schritt zu gehen, und sie bestmöglich fördern.
Genau das ist dein Ziel bei Moinland. Wie arbeitet ihr dabei?
Daniel | Wir haben seit unserer eigenen Gründung 2019 mehr als 300 Gründer gecoacht, in allen Phasen und bei allen Problemen der Start-up-Reise. Wir machen sie zum Beispiel fit für die Skalierung und was es bedeutet als Leader viele Menschen zu führen. Dazu haben wir einen Kern an festen Mitarbeiter und eine ganze Reihe erfahrener Unternehmerinnen und Unternehmer, die wir je nach Thema mit einzelnen Start-ups zusammenbringen, als eine Art Plattform. Alle haben selbst gegründet und Start-up-Verantwortung getragen. Oft geht es auch darum, Gründer bei schmerzhaften Entscheidungen zu helfen, wenn sie beispielsweise an einen Punkt gekommen sind, an dem sie das Führungsteam umbauen oder gar selbst die Position als CEOs abgeben und vielleicht in eine Rolle als Gesellschafter wechseln sollten.
Wie ist die Erfolgsquote? Habt ihr bekannte Aushängeschilder?
Daniel | Durchaus! Ich darf nicht alle Namen nennen, aber wir arbeiten beispielsweise mit Staffbase aus Chemnitz zusammen. Die Firma hat ein grandioses System für die interne Kommunikation von Unternehmen entwickelt. Inzwischen hat Staffbase gut 800 Mitarbeiter und ist ein Unicorn, wird also mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet.
Arbeitet ihr auch mit Oldenburger Start-ups zusammen?
Daniel | Nur vereinzelt.
Ist der Standort doch nicht so gut?
Daniel | Nein, das kann man daraus nicht schließen. Wir arbeiten weltweit, vor allem in Europa und Nordamerika. Wenn angesichts der überschaubaren Zahl wenige Oldenburger dabei sind, sagt das nichts über die Stadt aus.
Zuletzt hat in der lokalen Szene für Aufsehen gesorgt, dass mit Triviar ein Oldenburger Start-up nach Hamburg abgewandert ist. Ist das ein Warnsignal?
Daniel | Ein Gründer sitzt in Oldenburg, einer in Hamburg, da würde ich nicht von einer Abwanderung sprechen. Ganz grundsätzlich steht dahinter aber auch ein falsche Denke: Oldenburg wird nie die Stadt sein, in der eine Firma zum Beispiel Hunderte Software-Entwickler bekommt. Irgendwann muss sie expandieren.
Wie passt das zur Vision der gründerfreundlichsten Stadt der Welt?
Daniel | Ich meine damit, dass Oldenburg als Keimzelle so attraktiv wie möglich werden muss. Wenn die ersten 50 Mitarbeiter hier leben, der bestmögliche 51. aber in Hamburg sitzt – wo ist das Problem? Microsoft kommt aus Redmond, beschäftigt aber viel mehr Menschen außerhalb.
Dann siehst du Verlagerungen als natürlichen Prozess im Wachstum eines Unternehmens?
Daniel | Es gibt zwei mögliche Gründe für einen Wegzug. Der erste ist, dass die Stadt nicht die richtigen Voraussetzungen bietet. Wenn ein Start-up zum Beispiel in der Krypto- oder AI-Szene aktiv ist, dann wird es in Berlin 200 Menschen finden, die sich damit auskennen, in Oldenburg aber vielleicht nur zwei. Dieses Problem können wir bis zu einem gewissen Grad lösen, indem wir besser werden. Wir müssen nicht die letzte Nuance des Kerngeschäfts verstehen, aber wir müssen das Geschäft des Gründens beherrschen und damit das Ökosystem schaffen, in dem auch solche Start-ups gedeihen können.
Und der zweite Grund für einen möglichen Wegzug?
Daniel | … ist die Skalierung. Da müssen wir ehrlich zu uns sein. Ab einem gewissen Punkt müssen wir unseren Start-ups dabei helfen, über die Stadt hinauszuwachsen, weil sie ansonsten nicht skalieren können.
Du bist auch Mitgründer des Hightech-Inkubators (HTI), der Start-ups im Bereich KI fördert. Wie sieht die Bilanz zwei Jahre nach dem Start aus?
Daniel | Beim HTI haben wir 3,2 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln genutzt, um zwei Dinge zu tun: Wir haben zehn Start-ups dabei unterstützt, mit künstlicher Intelligenz etwas Neues zu entwickeln, und wir haben eine Infrastruktur geschaffen, die eine Weiterführungsperspektive des Inkubators für diese und weitere Firmen bietet. Die zehn Start-ups haben inzwischen zusammen mehr privates Kapital gesammelt, als sie an öffentlicher Förderung erhalten haben. Ich finde, das ist ein guter Beleg für den Erfolg.
Wie geht es mit dem HTI weiter?
Daniel | Wir sind in Gesprächen mit dem Land. Ich bin optimistisch, dass es weitergeht, aber das ist ein politischer und administrativer Prozess. Losgelöst davon haben wir mit Oldenburg Venture aber noch ein weiteres Vehikel geschaffen, um Start-ups zu fördern. Wir haben ja das Glück, in einer recht wohlhabenden Region zu leben, in der es viele Menschen gibt, die sich engagieren möchten. Mit Oldenburg Venture bieten wir ihnen eine Art Investmentclub, über den sie Start-ups investieren können. Lokales Geld für lokale Gründungen, die wiederum auf den lokalen Wohlstand einzahlen: Damit entwickeln wir eine Perspektive für unsere Region. Die bestehenden Firmen allein genügen dafür nicht. Unsere Zukunft hier im Nordwesten hängt davon ab, dass wir neue Unternehmen schaffen und Gründerinnen und Gründern Anerkennung für diese wunderbare Leistung zeigen.
Von Volker Kühn