GROWMORROW
01 | 2025
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© Milele-Photography

Dr. Pop
Der Doktor, der Musik seziert und zum Lachen bringt

Vom Musikwissenschaftler zum preisgekrönten Comedy-Kabarettisten: Markus Henrik alias Dr. Pop verbindet Humor, Fachwissen und Leidenschaft für Popmusik wie kein anderer

Er kennt die Popmusik wie ein wandelndes Lexikon, hat ihre Eigenheiten studiert, ihre Geschichten erforscht und sie mit spitzer Zunge auf die Bühne gebracht: Markus Henrik, besser bekannt als Dr. Pop. Ob als Radiokolumnist, TV-Experte, Buchautor oder Live-Performer – er versteht es, musikalische Phänomene zu analysieren und gleichzeitig zum Schmunzeln zu bringen. Mit akademischer Präzision und charmantem Witz erklärt er, warum Musik unsere Emotionen weckt, welche Songs die Jahrzehnte prägen – und manchmal auch, wie ein schiefer Ton zur kreativen Offenbarung werden kann. In diesem Gespräch wollen wir erfahren, was ihn antreibt, welche Lieder für ihn persönlich unvergesslich sind und wie er den Spagat zwischen Wissenschaft und Comedy meistert.


Sie sind in Essen geboren und haben früh ein Faible für Musik entwickelt. Wann wussten Sie, dass Musik mehr als nur ein Hobby für Sie ist?

Als ich vom Studiengang „Populäre Musik und Medien“ erfahren habe. Ich wusste vorher gar nicht, dass man Popmusik studieren kann. In England ist man da schon recht weit, da die Beatles dort einen Stellenwert haben wie hier Bach oder Beethoven.

Ihr Weg führte Sie über Paderborn, Detmold und Manchester bis nach Liverpool – was haben Sie aus diesen Stationen jeweils mitgenommen?

Zunächst einmal, dass auch in Paderborn Welthits entstehen können – der Song Blame It on the Boogie von The Jacksons wurde dort komponiert. In Detmold war Brahms tätig; dort arbeitete er an seinem ersten Klavierkonzert in d-Moll – sieht fast aus wie eine Abkürzung des Städtenamens. In Manchester studierte ich am George Martin Institute. George Martin hatte so großen Einfluss auf die „Fab Four“, dass er für viele als „fünfter Beatle“ gilt. In Liverpool beschäftigte ich mich viel mit dem Einfluss von Politik auf Musik – und umgekehrt.

Warum haben Sie sich für das Thema „Orientalismus in der Popmusik“ als Dissertation entschieden – was war der Auslöser?

Mit etwas Abstand zum 11. September gab es plötzlich sehr viel vermeintlich orientalisch anmutende Musik in den Popcharts – etwa Shiver von Maroon 5, Baby Boy von Beyoncé oder Buttons von den Pussycat Dolls. Das Phänomen des Orientalismus, das sich auch in Mozarts Alla Turca zeigt, ist in der Klassik gut erforscht – in der Popmusik jedoch kaum. Das wollte ich ändern.

Was ist für Sie das verbindende Element zwischen Musikwissenschaft und Kabarett?

Ich liebe es, tiefer in Musikstücke einzutauchen. Dass Billie Eilish das Überquerungsgeräusch einer australischen Ampel gesampelt hat, finde ich großartig. Ähnliches haben Depeche Mode oder Pierre Schaeffer in der musique concrète schon gemacht. Faszinierend finde ich auch, dass Peter Gabriel und die Amigos mit der Shakuhachi-Flöte ähnliche Sounds genutzt haben – da ist Humor vorprogrammiert.

In Ihren Vorträgen betonen Sie oft die kreative Kraft des Zufalls in der Musikgeschichte. Können Sie ein Beispiel nennen, das Sie besonders fasziniert?

Oh ja! Im Intro von Roxanne von The Police hört man Sting kurz lachen. Er war versehentlich mit dem Gesäß auf eine Klaviertaste gekommen und hatte dabei einen ungewöhnlichen Akkord gespielt. Den konnte man kaum nachspielen – im Studio versuchten es dann alle mit dem Hintern, aber der Akkord bei Sekunde 5 im Song blieb einzigartig. Man hat ihn einfach drin gelassen. Das Unperfekte ist manchmal genau richtig.

Sie wurden sogar von der Polizei zu Musikfragen konsultiert – wie kam es dazu?

Die sind treue Hörer meiner wöchentlichen ARD-Radiokolumne „Dr. Pops Tonstudio“. Sie wollten wissen, warum es Songs wie Sound of da Police von KRS-One gibt – oder warum The Police zu ihrem Namen kamen. Das war eher ein kritischer Gedanke der Band um Sting herum. Übrigens: Sting heißt „Stachel“, weil er früher oft ein gelb-schwarzes Shirt trug – auch bei der Borussia Dortmund gern gesehen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Popmusik im Zeitalter von KI-generierter Musik?

Wenn KI als Restaurations-Tool genutzt wird, um alte Aufnahmen klanglich zu verbessern – großartig. Sie hilft auch in der Musikwissenschaft bei Analysen. Rein KI-generierte Songs finde ich jedoch schrecklich. Es braucht unbedingt eine Kennzeichnungspflicht – die gibt es Stand jetzt bei Spotify noch nicht. Ich glaube: Je künstlicher die Zeiten, desto mehr sehnen sich die Menschen nach handgemachter Musik.

Wird das klassische Musikalbum überleben – oder durch Playlists und TikTok-Hits ersetzt?

Es erlebt gerade ein kleines Revival. Künstlerinnen wie Taylor Swift vermitteln jungen Menschen wieder das Konzept eines Albums. Und es erscheinen wieder deutlich mehr Vinyls als früher – etwa von Nina Chuba oder Billie Eilish. Das Album ist ein geniales Konzept und wird nie ganz verschwinden.

Sehen Sie eine Renaissance analoger Medien wie Vinyl und Kassette – oder ist das nur ein Retro-Hype?
 Das ist nachweislich so. Presswerke kommen zum Teil gar nicht nach, um die Vinyl-Aufträge zu erfüllen. Junge Acts mit 80s-Sounds bringen auch wieder Kassetten heraus – das ist allerdings eher als Marketing-Gag zu sehen. Das Vinyl-Comeback hingegen ist ernst und großartig. Bei mir um die Ecke hat sogar wieder ein Schallplattenladen eröffnet. Es gibt sie also noch – die guten Nachrichten auf dieser Welt.

Dr. Pop wird mit seinem spannenden Vortrag „Die Musik der Zukunft“ bei GROWMORROW YOUNG am 22. August 2025 auf der MAIN STAGE auftreten.


Von Andreas Unterberg