SPEAKER-INTERVIEW-REIHE
Janine Steeger
„Wir müssen bei uns mit Veränderungen hin zu mehr Nachhaltigkeit anfangen“
Das Interview mit Janine Steeger führte Thilo Schröder
Gasheizungen sind wieder in, nachhaltige Politik wird als „linksgrün“ verschrien: Solchen Entwicklungen zum Trotz spricht Moderatorin Janine Steeger beim Zukunftsfestival Growmorrow in Bremen über Klimaschutz, der für alle umsetzbar ist.
Mit Öl und Gas heizen, große Autos fahren und um die Welt jetten: Was in der Politik und Teilen der Gesellschaft gerade (wieder) viel Zustimmung findet, hat mit einem nachhaltigen Lebensstil wenig zu tun. Moderatorin und Journalistin Janine Steeger hat schon vor einigen Jahren Gewohnheiten aus dem fossilen Zeitalter abgelegt und tritt als „Green Janine“ für Nachhaltigkeit ein. Beim Zukunftsfestival Growmorrow in Bremen spricht die 49-Jährige am 16. April darüber, warum Klimaschutz einfacher ist, als wir glauben – und jeder sofort anfangen kann.
Welches Produkt vermissen Sie insgeheim, das Sie aus Gründen der Nachhaltigkeit über Bord geworfen haben?
Ich habe lange nach nachhaltigen Blazern mit Schulterpolstern gesucht, weil ich Schulterpolster total super finde – auch wenn wir aus den Neunzigern längst raus sind. Da ich keine gefunden habe, die mich wirklich glücklich gemacht haben, bin ich zurück geswitcht und sozusagen wieder abtrünnig geworden.
Sie erzählen gerne die Geschichte, wie Sie Ihren Mann bearbeitet haben, nachhaltig zu werden, was aber zu Abwehr geführt hat. Wie klappt es besser?
Es funktioniert am besten übers Vorleben. Man muss abwarten, bis Interessierte nachfragen, warum ich bestimmte Dinge anders mache, und wie es beispielsweise so läuft mit Kind und Kegel ohne eigenes Auto. Wichtig ist, die positiven Seiten der Veränderung zu benennen. So bekommen die meisten Menschen Lust, selbst was zu ändern.
Gerade als Anfänger muss man genau hingucken, welche Produkte wirklich nachhaltig sind – Stichwort Greenwashing. Haben Sie Tipps?
Ein guter Indikator bei Unternehmen ist, wenn sie sich schon sehr, sehr lange um das Thema Nachhaltigkeit kümmern. Wichtig ist auch, wie stark das Thema verankert ist: Gibt es nur zwei Angestellte im Kommunikationsbereich, die sich darum kümmern, oder gibt es eine richtige Nachhaltigkeitsabteilung, die im besten Fall durch alle Abteilungen implementiert ist als Querschnittthema?
Für Außenstehende ist das teils schwer herauszufinden.
Das stimmt, aber man kann durch einfache Internetrecherche einiges rausfinden – etwa wie lange ein Unternehmen schon Nachhaltigkeitsberichterstattung betreibt. Man sollte sich nicht grundsätzlich abschrecken lassen von Schlagzeilen, in denen Skandale an der ein oder anderen Stelle größer gemacht werden, als sie in Wirklichkeit sind. Insofern muss man auch beim Thema Greenwashing ein bisschen kritischer hinschauen und als Konsument recherchieren und nicht immer die erste Schlagzeile glauben.
Als Einzelner kann man aber nicht die Welt retten. An welchem Punkt ist die Politik verantwortlich?
Ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, dass wir alle mit Veränderungen bei uns anfangen, hin zu einem nachhaltigeren Leben. Zu einem gewissen Grad kann man auch mit Kaufentscheidungen Einfluss nehmen auf Strukturen, aber bestimmte Dinge kann ich nicht ändern. Das Wichtigste ist, dass wir uns selber ein Stück weit trainieren und bereit machen für die großen Veränderungen, die durch Regulatorik und vonseiten der Politik kommen müssen.
Sehen Sie Anzeichen für diese großen Veränderungen?
Da warte ich immer noch auf den Mut-Moment. Wir haben eine sehr, sehr große Zustimmung in der Bevölkerung zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Eigentlich waren die Zeiten nie besser als jetzt, um entsprechende Gesetzgebung und Regulierung durchzusetzen.
Gibt es Themen, von denen Sie die Finger lassen, bei denen politische Maßnahmen sinnvoll wären?
Ja, zum Beispiel das Unverpackt-Einkaufen. Das ist für mich nicht umsetzbar und es ist auch die Frage, ob sich die Mühe an der Stelle lohnt. Denn wir würden sehr viel mehr erreichen, wenn wir deutlich mehr Verpackungen kreislauffähig machen, indem wir sie entsprechend designen. Da liegt die Verantwortung ganz klar woanders. Aber da passiert gesetzgeberisch gerade richtig viel.
Ungeachtet dessen sagen einige Menschen: Nachhaltigkeit ist was für Privilegierte. Haben sie recht?
Mein Sohn hat mich mal sehr deutlich gefragt: „Mama, warum ist das eigentlich so, dass die Sachen, die besser für die Welt sind, teurer sind?“ Ich glaube, dass wir die Dinge teurer machen müssen, die schlecht für unsere Lebensgrundlagen sind, und die nachhaltigeren Varianten günstiger – und damit für alle zugänglich. Wir haben hier ein soziales Dilemma, das sehen wir zurzeit beim Thema Energie: Da trifft die Regierung völlig falsche Entscheidungen; das trifft vor allen Dingen die, die in vermeintlich günstigen Wohnungen leben, die aber später die teuren Energiekosten tragen müssen, wenn weiterhin fossil geheizt wird.
Ein Fokus auf fossiles Heizen ist nur eine von mehreren Rollen rückwärts in der Politik – Stichwort geplante Einschnitte bei der Förderung von Solaranlagen. Rückt der Mut-Moment damit in weite Ferne?
Experten sagen uns, dass selbst Menschen, die gegen das sind, was sie eine „linksgrüne Politik“ nennen, bereits oft ein Elektroauto, eine Wärmepumpe und Solarzellen auf dem Dach haben – trotz großer Desinformationskampagnen, weil es sich einfach rechnet und sinnvoll ist. Selbst in den USA gibt es trotz Trump große Fortschritte bei den Erneuerbaren und in chinesischen Wirtschaftsplänen steht der weitere Ausbau auch drin. Insofern bleibe ich hoffnungsvoll.

Zur Person ...
Janine Steeger ist Journalistin, Moderatorin und Speakerin und engagiert sich für Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Die 49-Jährige leitet eine Akademie für nachhaltiges Design in Köln und hat 2020 ihr Buch „Going Green – Warum man nicht perfekt sein muss, um das Klima zu schützen“ über ihre persönliche Entwicklung zur „Green Janine“ veröffentlicht. Ein weiteres Projekt ist „Futurewoman“, das Frauen in der Nachhaltigkeit sichtbar macht und fördert.
Bekannt wurde Steeger als Moderatorin der Boulevardsendung „Explosiv“ von RTL – für sie ursprünglich ein Traumjob, den sie 2015 aber kündigte. Heute kennt man sie aus Nachhaltigkeits-Podcasts und -Magazinen und als Interviewerin beispielsweise von Klimaaktivisten oder Wissenschaftsjournalisten.