SPEAKER-INTERVIEW-REIHE

Julia Ruhs

„Neutralität bleibt das Ideal, aber wir haben alle blinde Flecken“

Das Interview mit Julia Ruhs führte Katja Lüers

Der NDR hat sie als Moderatorin abgesetzt, der Bayerische Rundfunk hält an Julia Ruhs fest: Die 31-jährige Bildkolumnistin diskutiert beim Zukunftsfestival Growmorrow in Bremen über Meinungsfreiheit und Schubladendenken. 

Rechts, links, konservativ: Menschen werden schnell in Schubladen gesteckt. Welche Rollen müssen Journalisten künftig einnehmen? Beim Zukunftsfestival Growmorrow in Bremen diskutiert am Donnerstag, 16. April, die 31-jährige Journalistin Julia Ruhs über Meinungsvielfalt und Debattenkultur mit Ulrich Schönborn als Chefredakteur der Nordwest-Mediengruppe, der Radio-Bremen-Intendantin Yvette Gerner und dem Medienwissenschaftler Prof. Christian Schwarzeneggerr. Im Interview spricht Ruhs über ihr Leben zwischen Bild-Zeitung und Bayerischem Rundfunk. 

Viele Menschen finden Ihre Meinung schrecklich – das zumindest haben Sie einmal in einem Interview gesagt. Stört Sie das?

Ich schlafe trotzdem gut. (lacht) Wirklich. Ich habe das Glück, dass sich in meinem privaten Umfeld niemand von mir abgewandt hat. Ich habe Freunde, die ganz andere politische Ansichten haben – und wir gehen zum Beispiel trotzdem zusammen wandern. Das klappt wunderbar. 

Wie blicken Sie auf unsere Meinungsfreiheit?

Vom Grundgesetz her ist die Meinungsfreiheit in Deutschland sehr klar und sehr weitreichend garantiert. Da können wir uns wirklich nicht hinstellen und so tun, als lebten wir in einem autoritären Regime. Das halte ich für komplett überzogen. Was allerdings in den vergangenen Jahren gewachsen ist, ist ein gewisses Unwohlsein. Viele haben das Gefühl, bestimmte Dinge nicht mehr offen sagen zu können, ohne sofort etikettiert zu werden: als „Nazi“, „rechts“, „Corona-Leugner“, „Putin-Freund“ oder „Kriegstreiber“. Diese schnelle Zuschreibung von Labels finde ich problematisch.  

Tragen soziale Medien zu dieser Entwicklung bei?

Definitiv. Aussagen werden aus dem Kontext gerissen, zusammengeschnitten, verkürzt. Je nachdem, welchen Schnipsel man zeigt, entsteht ein völlig anderer Eindruck. Die meisten wissen inzwischen, dass das manipulierbar ist – aber es wirkt trotzdem. Das Problem ist nicht neu: Auch früher haben Schlagzeilen am Kiosk Meinungen geprägt. Aber Social Media verstärkt es massiv.  

Wie definieren Sie einen offenen Diskurs?

Zuhören. Ohne sofort in Schubladen zu denken. Nicht zu sagen: „Mit dir rede ich nicht.“ Ich halte es für illiberal, Gespräche grundsätzlich zu verweigern – auch mit Politikern, deren Positionen man selbst ablehnt. Man muss verstehen wollen, warum Menschen zu bestimmten Überzeugungen kommen. Radikalisierung entsteht oft auch durch soziale Ausgrenzung.  

Meinungsvielfalt bedeutet auch, die Diversität unserer Gesellschaft anzuerkennen. Sie haben sich öffentlich gegen das Gendern ausgesprochen. Ist das nicht ein Widerspruch?

Nein, finde ich nicht. Gendern ist nur ein Aspekt von Vielfalt. Ich lehne es ab, weil ich nicht glaube, dass es der Gesellschaft hilft. Es spaltet eher, weil viele das Gefühl haben, zum „richtigen“ Sprechen erzogen zu werden. Ich halte die Gender-Debatte für eine sehr akademische Diskussion.  

Können Sie die Gegenseite verstehen?

Ich verstehe, warum es manchen wichtig ist, gesehen zu werden. Aber wenn man etwas sehr aktivistisch durchsetzt, erzeugt das oft eine Gegenbewegung. Diese Pendelbewegung sehe ich generell: Wenn eine Seite es mit ihrer Progressivität überzieht, driftet die andere ins Reaktionäre. Dann schlägt das Pendel komplett aus – statt in der Mitte zu bleiben.  

Sie moderieren beim BR das Format „Klar“. Es heißt, Ziel sei es, eher konservative Zuschauer zurückzugewinnen. Sollte Journalismus nicht neutral sein und der Sache dienen?

Ich verstehe die Irritation. Und ja, Neutralität bleibt das Ideal. Aber wir alle haben blinde Flecken – auch wenn wir überzeugt sind, ausgewogen und neutral zu arbeiten. Entscheidend ist für mich deshalb eher: Gibt es in einer Redaktion unterschiedliche Blickwinkel? Man kann nicht leugnen, dass viele Menschen den Eindruck haben, der öffentlich-rechtliche Rundfunk habe einen linken Einschlag. Wenn man sich bestimmte Politmagazine anschaut, dann ist die Perspektive oft eher sozialpolitisch geprägt, weniger wirtschaftsliberal. Da finde ich es legitim zu sagen: Versuchen wir ein Format, das eher bürgerliche Perspektiven einbringt. Mir persönlich war wichtig, Menschen zu erreichen, die die Öffentlich-Rechtlichen kritisch sehen oder ablehnen.  

Studien zeigen, dass das Vertrauen in Medien sinkt. Tragen Sie mit Ihrer Bild-Kolumne „Deutschland macht schlapp“ dazu bei, dass das Vertrauen wieder wächst?

Es ist wichtig, dass Menschen ihre Sicht auf die Dinge in den Medien wiederfinden. Wenn sie das Gefühl haben, ihre Perspektiven und Themen kommen gar nicht vor, dann geht auch das Vertrauen verloren. Außerdem finde ich, dass man der Bild-Zeitung oft Unrecht tut, genauso wie – auf andere Weise – dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Da halten sich viele Vorurteile – bis hin zu dem Vorwurf, Journalisten würden lügen. Das stimmt so einfach nicht. Beide machen guten Journalismus, nur eben auf unterschiedliche Art: mal boulevardesker, mal zurückhaltender. Die einen müssen sich verkaufen, die anderen finanzieren sich dank Beiträgen. Für mich persönlich ist es umso spannender, Teil beider Welten zu sein. 

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Zur Person ...

Julia Ruhs ist eine deutsche Journalistin und Kolumnistin. Sie studierte Kommunikations- und Demokratiewissenschaft in Passau, Rom und Regensburg und war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung. Nach einem Volontariat beim Bayerischen Rundfunk arbeitet sie freiberuflich, vor allem für den BR, und schrieb u. a. Kolumnen für Focus Online sowie seit 2026 für die Bild-Zeitung. Bekannt wurde sie unter anderem durch das ARD-Format „Klar – Was Deutschland bewegt“ sowie durch ihr 2025 erschienenes Buch „Links-grüne Meinungsmacht“.