SPEAKER-INTERVIEW-REIHE
Katharina Aguilar
„Städte sind für Menschen gemacht, nicht für Autos“
Das Interview mit Katharina Aguilar führte Sabrina Wendt
Katharina Aguilar ist Keynote-Speakerin und Zukunftsexpertin. Im Interview berichtet sie über Smart Cities, Mobilität und die Chancen eines vernetzten Lebens.
Zukunft gestalten, Technologie als Freund und neue Wege im Leben – wie sieht unser Alltag im Jahr 2040 aus? Über Smart Cities, KI-Assistenten und moderne Mobilitätskonzepte diskutiert Keynote-Speakerin Katharina Aguilar am 16. April beim Zukunftsfestival Growmorrow in Bremen. Sie erklärt, wie das Leben in Städten und auf dem Land künftig zusammenwächst und was dafür notwendig ist. Im Gespräch mit unserer Redaktion blickt Aguilar auf Visionen, Herausforderungen und Chancen – und wirft einen besonderen Blick auf das Oldenburger Land und Ostfriesland im Jahr 2040.
Katharina, auf was freust du dich im Jahr 2040 ganz besonders?
Ich freue mich besonders darauf, dass wir noch viel mehr gelernt haben werden, Technologie wirklich zu unserem Freund zu machen. Ich sage immer, Technologie wird unser „Second Brain“, unser zweites Gehirn, sein, wenn wir verstanden haben, dass wir sie auch mit Regulierung und Einhegung der negativen Folgen zum Wohl einsetzen können. Dadurch wird unser Leben entspannter, weil wir KI-Assistenten im Alltag nutzen und Dinge abgeben können, die uns nicht begeistern. Das bedeutet für mich: Wir konzentrieren uns auf unsere menschlichen Fähigkeiten, die Kreativität und die Schöpferkraft, und stellen das Menschsein in den Vordergrund.
Wie stellst du dir einen typischen Alltag im Jahr 2040 vor – vor allem mit Blick auf das Leben in der Stadt und auf dem Land?
Ich glaube, dass diese beiden Welten – Stadt und Land – immer mehr koexistieren werden. Früher war man entweder Team Stadt oder Land: Jetzt sehen wir immer mehr Möglichkeiten, beides miteinander zu verbinden, zum Beispiel, indem wir ein Tiny House als Rückzugsort auf dem Land haben und eine Wohnung in der Stadt. Wir akzeptieren nicht mehr, dass wir nur eine Persönlichkeit haben und einen Lifestyle. Mithilfe von Technologie, etwa autonomem Fahren, können wir diese Lifestyles kombinieren, weil Mobilität keine große Hürde mehr sein wird. In Zukunft wird das Beste aus beiden Welten zusammentreffen – niemand muss sich festlegen, sondern kann flexibler leben, je nach Bedarf. Das wird durch technische Fortschritte erleichtert.
Kannst du das konkretisieren?
Vieles wird digitalisiert und automatisiert ablaufen. Ein KI-Assistent plant Termine, das Auto ist vorgewärmt und fährt mich zur Arbeit, die Route steht schon fest, ich kann unterwegs E-Mails beantworten und chillen, während das Auto mich fährt. Drohnen liefern Pakete überall hin. Irgendwann brauchen wir auch keine Handys oder Computer mehr, weil die Geräte überall verteilt sind und die Künstliche Intelligenz sich überall entfaltet. Gebäude übernehmen die Meetingorganisation, mein KI-Assistent meldet mich an, führt mich durch den Tag, gibt klare Arbeitsanweisungen – unser Kopf ist frei vom ständigen Blick auf das Smartphone. Die KI trifft Entscheidungen für uns, automatisiert wesentliche Abläufe und ermöglicht entspannteres und kreativeres Arbeiten.
Kann es passieren, dass wir durch die vielen Automatisierungen und KI-Systeme unsere Kreativität verlieren – oder geradezu „verblöden“?
Das ist natürlich eine Befürchtung, aber diese Gefahr sehe ich nicht. Denn wir haben zu Beginn den Hype erlebt, dass KI menschliche Kreativität ersetzt, indem sie Texte, Bilder oder Videos generiert. Aber daraus lernen wir: KI-Kampagnen funktionieren beispielsweise oft nicht, weil wir nicht mit Bots interagieren wollen. Auch ich nutze KI inzwischen weniger, weil es nicht in jedem Einsatzfeld sinnvoll ist. Wir entdecken wieder unsere eigene Kreativität und ihren Wert. Jetzt kommen die KI-Agenten ins Spiel, die im Hintergrund Prozesse automatisieren und besser als Menschen bestimmte Aufgaben erledigen können. Der Fokus verschiebt sich von Generativer KI zur Agentic AI und Automatisierung. Das ist ein natürlicher Zyklus – unsere Kreativität bleibt, weil wir lernen, wo wir mit KI besser arbeiten und wo wir als Menschen unersetzlich bleiben.
Apropos Unersetzlichkeit: In Deutschland hat das Auto einen besonderen Stellenwert – und man fährt gern selbst. Wie wird denn die Mobilität 2040 aussehen?
Multimodalität wird immer wichtiger – von längeren Strecken bis zur letzten Meile. Die 15-Minuten-Stadt kommt überall dort, wo alles fußläufig erreichbar ist. Gleichzeitig werden lange Strecken optimiert, Verkehrsachsen neu entwickelt. Die Schiene wird deutlich ausgebaut, Autobahnen immer mehr für Lkw genutzt, und der Luftverkehr wird für Logistik und Paketzustellung bedeutender, etwa Drohnen für die Post. Für den Personenverkehr sehe ich weniger Luftverkehr – wegen der Regulierungen. Es gibt allerdings auch schon Städte wie Dubai, in denen Drohnen bereits Menschen transportieren. Vor allem bei kleinteiliger Lieferung sehe ich ein starkes Wachstum. Die Mobilitätswende ist unerlässlich – auch bei uns müssen sich Straßen und Städte transformieren, mit mehr Begrünung und Community-Flächen, auf denen Menschen zusammenkommen können – und mit weniger Fokus auf Autos. Das ist ein großer Wandel, der einen Mindset-Wechsel benötigt, um diese Veränderungen zu akzeptieren.
Viele Städte sind eng bebaut und für den Autoverkehr optimiert. Wie realistisch ist das Ziel einer grünen und sozialeren Smart City bis zum Jahr 2040?
Für einige Ziele ist 2040 durchaus realistisch, für eine komplette Transformation des Stadtbilds wird es länger dauern. Städte brauchen mehr Begrünung, Gemeinschaft, Kreativflächen – das ist die Zukunft. Städte sind schließlich für Menschen gemacht, nicht für Autos! Es gibt entsprechende Pilotprojekte in Barcelona und Paris. Auch in Stuttgart wurde eine Straße für die Menschen umgestaltet und für den Autoverkehr gesperrt, und es hat nicht lange gedauert, bis erste Beschwerden über Ruhestörungen aufgetaucht sind. In Deutschland gibt es oft einen großen Aufruhr bei Neuerungen. Die Zukunft kann aber nur dann gelingen, wenn wir wirklich bereit sind, unseren Komfort auch mal ein Stück weit aufzugeben und neue Lösungen zuzulassen.
Welche besonderen Chancen und Herausforderungen siehst du für einen Wandel in unserer Region?
Das Oldenburger Land und Ostfriesland haben viel Ländliches, aber auch starke städtische Strukturen. Gerade hier bieten autonome Mobilitätsformen und Community-Mobilitätsangebote mehr Flexibilität – ob tägliches Pendeln oder neue Modelle des Zusammenlebens. Vielleicht können wir viel flexibler wohnen, arbeiten und leben, als bisher möglich war. Die Plattformökonomie und Sharing Economy unterstützen uns, Arbeitsleistung unabhängig von Ort und Zeit bereitzustellen. Progressivität von Unternehmen, Offenheit in den Einstellungsprozessen und Talentförderung sind entscheidend. Die Taktgeberrolle technischer Innovation haben wir zwar nicht mehr, aber wir können als Region trotzdem Vorreiter sein, wenn wir an unsere Chancen glauben und uns weiter vernetzen.
Welche Hürden gibt es, und wie können wir sie überwinden?
Deutschland ist ein Bürokratiemonster. Innovation, Gründerdasein und Erfindungsreichtum passen oft nicht zu unserer bürokratischen Sichtweise. Es wird zunächst einmal alles infrage gestellt. Doch wenn wir mal auf die aktuelle Situation schauen, so ist unter anderem die hiesige Automobilindustrie auf dem absteigenden Ast, Schlüsseltechnologien kommen nicht mehr aus Deutschland, sondern aus dem Ausland. Aber es gibt genügend kleinere Unternehmen, jedes für sich könnte eine Rolle bei Smart-City-Innovationen spielen. Wir haben Möglichkeiten, müssen aber offener dafür werden, von anderen Ländern zu lernen – Offenheit ist entscheidend, um als Nation und Region zukunftsfähig zu werden.
Welche Rolle spielen die kommenden Generationen für den Wandel hin zur Smart City 2040?
Ich glaube, dass wir den Wandel schaffen, weil eine neue Generation an Menschen kommt, die anders denken. Die Blockierer, die an alten Mustern festhalten, werden nach und nach verschwinden. Die nächste Generation bringt einen neuen Geist mit, weniger Ego, mehr Smartness, Offenheit und Lust, Dinge neu zu gestalten. Das ist die große Hoffnung – mehr für alle, weniger Fokus auf kurzfristige Gewinne. Die nächste Generation wird ethischer und nachhaltiger wirtschaften. Business sollte in erster Linie anderen helfen, dann kommt das Geld von ganz allein. Wir können unsere Zukunft nur gemeinsam gestalten.

Zur Person ...
Katharina Aguilar ist Keynote-Speakerin, Unternehmerin und Expertin für Zukunftsentwicklung. Nach langjähriger Erfahrung in der Mobilitätsbranche setzt sie sich dafür ein, Lebenswelten neu zu denken und innovative Geschäftsmodelle für eine nachhaltige Zukunft zu entwickeln.