SPEAKER-INTERVIEW-REIHE
Richard David Precht
„Viele Menschen verfolgen die falschen Ziele – da hilft auch KI nicht“
Das Interview mit Richard David Precht führte Sandra Binkenstein
Künstliche Intelligenz macht das Leben nicht grundsätzlich besser, sagt der Philosoph Richard David Precht. Beim Zukunfts-Festival Growmorrow am 16. April erklärt er, wie KI die Gesellschaft verändert.
Künstliche Intelligenz ist längst fester Bestandteil unseres Alltags. Das hat viele Vorteile – doch auch einen gewaltigen Nachteil, sagt der Philosoph Richard David Precht: KI macht das Leben nicht lebendiger. Was das für den Einzelnen und die Gesellschaft bedeutet, erklärt Precht im Interview. Über die Menschheit im Zeitalter von KI spricht er außerdem beim Zukunfts-Festival Growmorrow am 16. April in Bremen.
Herr Precht, wird KI für uns zum Problem?
Zunächst mal könnte KI eine riesige Chance für die Menschheit sein, weil sie die Arbeitswelt radikal verändert. Das große Versprechen des zweiten Maschinenzeitalters, wo nicht die Fähigkeiten der menschlichen Hand, sondern die des menschlichen Gehirns ersetzt werden, besteht darin, den Menschen von nervtötender, langweiliger Arbeit zu befreien. Aber natürlich birgt KI auch Gefahren. Sie ist immer so gut und so schlecht wie das, was wir daraus machen.
Und was machen wir gerade daraus?
Das Problem ist, dass KI in einer falschen gesellschaftlichen Matrix nicht zu einem Werkzeug werden kann, das das Leben besser macht. Wir befinden uns im Zeitalter des kulturellen Kapitalismus. Das bedeutet, dass jeder Lebensbereich den Gesetzen des Kapitalismus unterworfen wird. Viele vor allem jüngere Menschen wollen sich selbst, ihren Alltag und ihr Leben an jeder Stelle optimieren. Sie wollen die schönsten Fingernägel, um jeden Preis einen Waschbrettbauch und die perfekte Ernährung, mit der sie 200 Jahre alt werden. Man will natürlich finanziell den ganz großen Reibach machen mit möglichst wenig Anstrengung. Gesundheits- und Schönheitsoptimierung dominieren alles. Viele Menschen verfolgen die falschen Ziele, wenn es um die Frage geht, was einen Menschen glücklich macht. KI hilft den einzelnen Menschen sicher gut dabei, diesen Zielen näherzukommen. Aber das enthumanisiert unser Menschsein.
Was ist denn das, was unser Menschsein ausmacht?
Ganz entscheidend ist doch die Frage, wie man glücklich ist. Außerdem muss das Leben doch Lebendigkeit enthalten, also das Erleben und Erfahren. Genau da haben wir heute das große Problem. Wir haben eine irrsinnige Explosion des Wissens, aber keine Explosion der Erfahrungen – und der Gap wird immer größer. Da hilft uns auch KI nicht. KI bewegt sich nur in der Lebenswelt, die wir bereits geschaffen haben. Und wenn da der Fehler in der Matrix liegt, macht KI das Leben nicht besser. Dazu kommt, dass wir immer mehr Informationen im Alltag bekommen, was zur Folge hat, dass wir gar nicht mehr die Kapazität haben, Erfahrungen zu verarbeiten und Erinnerungen zu speichern. Auf diese Weise klammern wir die Vergangenheit aus und damit erlischt eine ganz essenzielle Dimension menschlichen Lebens.
Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?
Wir haben das Problem – und darüber schreibe ich gerade mein nächstes Buch, das im Herbst erscheint –, dass die Menschen künftig immer mehr Informationen in kleinen Häppchen serviert bekommen. Auf Knopfdruck kann ich mir jederzeit eine Fülle an Informationen generieren lassen. Was viele Menschen dabei aber vernachlässigen ist die Fähigkeit zu verstehen. Etwas zu verstehen bedeutet, sich in einem teils langwierigen Prozess mit verschiedenen Informationen auseinanderzusetzen, mit der eigenen Urteilskraft Informationen zu bewerten und mit der Vernunft Schlüsse zu ziehen. Wenn die Menschen aber vor allem fertige Informationen und Lösungen nutzen, um sich in der Welt zu orientieren, nimmt die Urteilskraft der Menschen ab, weil sie ihre Vernunftbegabung nicht trainieren. Das heißt, was früher verstehen war, zerfällt heute in eine Welt von Information und Emotion.
Und wie können wir so eine Entwicklung verhindern?
Was wir brauchen, ist eine komplette Revolution unseres Bildungssystems. Die Schule ist nun wirklich nicht mehr notwendig für Wissensvermittlung. Da gibt es bessere Lehrer auf YouTube. Wichtiger ist die Fähigkeit zur Sammlung, zur Konzentration und zur Bewahrung ursprünglicher Neugier. Das muss doch zentraler Inhalt zukünftiger Bildung sein. Doch leider sind wir in Deutschland nicht zu echten System-Reformen fähig. Der Grund ist einfach: Politiker wollen wiedergewählt werden – deshalb trauen sie sich nicht an große Reformen heran. Das Ergebnis ist das, über das ich in meinem aktuellen Buch geschrieben habe: ein Angststillstand. Es traut sich niemand mehr, Meinungen zu äußern, die nicht in der breiten Mehrheit konsensfähig sind.

Zur Person ...
Richard David Precht ist ein deutscher Philosoph, Schriftsteller, Publizist und Moderator. Er studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Köln und wurde mit populärwissenschaftlichen Büchern wie „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ einem breiten Publikum bekannt. Precht ist Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik und zählt zu den bekanntesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum; zudem tritt er regelmäßig als TV-Moderator und Podcaster in Erscheinung.