SPEAKER-INTERVIEW-REIHE
Sabine Asgodom
„Wer immer nur auf Nummer sicher geht, verpasst Neues“
Das Interview mit Sabine Asgodom führte Maike Schwinum
Zu viel Sicherheit kann Stillstand bedeuten, sagt Coach und Bestsellerautorin Sabine Asgodom. Im Interview erklärt sie, warum Entwicklung nur im Ungewissen entsteht und wie Zuversicht auch in Krisen gelingt.
Unsicher will niemand wirken. Für Coach und Bestsellerautorin Sabine Asgodom ist Unsicherheit jedoch eine Voraussetzung für Entwicklung. Die ehemalige Journalistin arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Managementtrainerin, Vortragsrednerin und Bestsellerautorin.
Beim Zukunftsfestival Growmorrow in Bremen am Donnerstag, 16. April, wird sie auf der Bühne stehen. Im Interview spricht Asgodom darüber, warum zu viel Sicherheit Stillstand bedeuten kann, weshalb Wachstum oft dort entsteht, wo der Ausgang noch ungewiss ist, – und wie man trotz Krisen die Zuversicht bewahrt.
Frau Asgodom, Ihr Vortrag für Growmorrow trägt den Titel „Safety first? Warum Wachstum im Ungewissen entsteht“. Lieben die Deutschen Sicherheit?
Ja, wir lieben Sicherheit. Aber zu viel davon kann Stillstand bedeuten. Wer immer nur auf Nummer sicher geht, verpasst neue Erfahrungen und Innovationen. Unsicherheit ist notwendig, damit Neues entstehen kann. Eine Philosophin sagte einmal: „Unsicherheit ist die Chance auf Leben.“ In Unternehmen gilt das genauso: Wer sich zu sicher fühlt, übersieht Veränderungen – etwa neue Technologien oder veränderte Kundenbedürfnisse.
Gibt es denn einen Unterschied zwischen zu viel Sicherheit und gesunder Vorsicht?
Absolut. Vorsicht bedeutet, überlegt vorzugehen. Sicherheit hingegen hält uns fest. Daher ist Vorsicht extrem wichtig. Warum verunglücken Männer mehr als Frauen? Weil sie keine Angst haben. Und dann stürzen sie sich mit dem Mountainbike einen Abhang hinunter, machen Autorennen oder fahren ohne Helm. Angstfreiheit ist also nicht das Ziel.
Sind Frauen vorsichtiger als Männer?
Ja. Frauen halten sich eher an Regeln und denken für andere mit. Zu viel Vorsicht kann aber dazu führen, dass Frauen unter ihren Möglichkeiten bleiben – etwa in Gehaltsverhandlungen oder bei Beförderungen. Eine meiner Hauptaufgaben im Coaching mit Frauen ist, ihnen klarzumachen, was sie alles können. Es geht nicht darum, dass sie sich genauso überschätzen wie viele Männer, sondern dass sie sich ihrer Fähigkeiten bewusst sind.
Gab es in Ihrer Karriere Situationen, in denen Sie unsicher waren und trotzdem ins Ungewisse gegangen sind?
Als junge Reporterin habe ich eine Chance nicht ergriffen, weil ich zu unsicher war – und ein Kollege bekam die Position. Auch beim Schritt in die Selbstständigkeit war ich vorsichtig, habe aber den Sprung gewagt, als ich sicher war, dass es funktioniert. Ich bin nach wie vor ein vorsichtiger Mensch, aber habe inzwischen gelernt, meine eigenen Interessen klarer zu vertreten.
Gibt es denn heute noch Situationen, in denen Sie unsicher sind?
Ja, zum Beispiel beim Schreiben eines neuen Buchs. Da kommen immer wieder Zweifel. Gerade erst hatte ich so einen Moment – da haben mir meine Kinder geholfen. Es ist wichtig, in solchen Situationen Verbündete zu haben und offen um Unterstützung zu bitten. Das gilt sowohl privat als auch im Job.
Wie gehen Unternehmen Ihrer Erfahrung nach mit Unsicherheit um?
Es verändert sich da etwas, besonders bei jungen Führungskräften im Mittelstand. Sie sind offener, binden das Team ein und vertrauen auf das Wissen der Mitarbeitenden. Das ist eine positive Entwicklung. Ältere Führungskräfte tun sich damit oft schwerer. Sie haben gelernt: „Du musst führen, du musst entscheiden, du musst kontrollieren.“ Dadurch nutzen sie gar nicht die Kraft ihres Teams.
Sie schreiben aktuell ein Buch über Zukunftsängste und Zuversicht. Was raten Sie Menschen, denen Zuversicht – vielleicht auch aufgrund der aktuellen Weltlage – schwerfällt?
Es hilft, sich mit Menschen zu umgeben, die Zuversicht ausstrahlen. Gleichzeitig sollte man darauf achten, wie viel Raum man negativen Nachrichten gibt. Natürlich ist es wichtig zu wissen, was in der Welt passiert. Aber wir müssen uns nicht permanent damit konfrontieren. Genauso wichtig sind kleine Auszeiten: Momente der Stille, Zeit draußen. Das hilft, die eigene Zuversicht zu bewahren.

Zur Person ...
Sabine Asgodom ist eine deutsche Management-Trainerin, Journalistin, Autorin und Vortragsrednerin. Nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule arbeitete sie unter anderem für Medien wie tz, Eltern und Cosmopolitan, bevor sie sich 1999 mit einem eigenen Coaching-Unternehmen selbstständig machte. Sie zählt zu den bekanntesten Trainerinnen im deutschsprachigen Raum, veröffentlichte über 30 Bücher zu Themen wie Selbstmarketing und Lebenshilfe und wurde 2010 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.