SPEAKER-INTERVIEW-REIHE

Siegfried Monser

„Ohne Bremen könnten die Amerikaner nicht auf den Mond und zurück“

Das Interview mit Siegfried Monser führten Luise Charlotte Bauer & Jörg Schürmeyer

In Bremen schlägt das Herz der europäischen Raumfahrt. Hier entstehen Module für Mondflüge und Satelliten. Wie das kleine Bundesland zu solch einem großen Player wurde und wohin die Reise geht, erläutert Raumfahrtkoordinator Siegfried Monser. 

Bremen/Oldenburg - Das Weltall fasziniert mit seinen unendlichen Weiten, Möglichkeiten und Geheimnissen. Kein Wunder also, dass sich die Menschen aufgemacht haben, es zu erkunden. Eine wichtige Rolle für die Raumfahrt spielt dabei seit den 1960er Jahren Bremen. Wohl in keinem anderen Bundesland ist Raumfahrt solch ein bedeutender Faktor. Kein Wunder, dass die Stadt an der Weser heutzutage auch gern City of Space (dt.: Stadt des Weltraums) genannt wird.  

Kalter Krieg als Auslöser

Die lange Tradition der Raumfahrtbranche in Bremen geht laut Bremens Raumfahrtkoordinator Siegfried Monser auf den Kalten Krieg zurück. 1957 hatte die Sowjetunion den ersten künstlichen Erdsatelliten Sputnik 1 ins All gebracht. 1961 war mit dem sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin dann der erste Mensch im All. In dem Jahr habe die westliche Welt laut dem Bremer Raumfahrtkoordinator noch unter dem ,Sputnikschock‘ gelitten und mit der Rakete ,Europa‘ eine eigene Trägerrakete geplant. Da es noch keine Raumfahrtfirmen im westlichen Europa gab, hatten sich Arbeitskreise herausgebildet, wie Monser erklärt.  

In Deutschland gab es zu diesem Zeitpunkt nur ein paar Luftfahrtfirmen wie die Vereinigten Flugtechnischen Werke in Bremen, die sich 1961 durch den Zusammenschluss von Focke-Wulf und Weserflug gegründet und schließlich den Auftrag für die Oberstufe der Rakete, also das „Herzstück“, gewonnen haben. „Das war die Geburtsstunde der Raumfahrt in Bremen“, sagt der 67-Jährige, der auch beim Zukunftsfestival „Growmorrow“ in Bremen auf der Bühne stehen und über die Zukunft der Raumfahrt diskutieren wird. 

Noch heute wird in Bremen die Oberstufe, die Satelliten von der Erde auf ihre Bahnen im All bringt, für eine europäische Rakete hergestellt: nun jedoch für die Ariane-6. Mit der ArianeGroup, Airbus Defence and Space sowie dem vor allem für seine Satelliten bekannten Konzern OHB befinden sich gleich drei weltweit bedeutende Raumfahrtunternehmen in der Stadt an der Weser. Rund um diese drei Branchenriesen hat sich laut Monser ein wirtschaftliches Ökosystem aus Raumfahrtunternehmen, Forschungseinrichtungen und Zulieferern gebildet. Rund 120 Unternehmen, darunter auch bekannte Start-ups wie Polaris und Marble Imaging, und 20 Institute seien in diesem Bremer Schlüsselindustrie tätig. 12.000 Arbeitsplätze hängen daran. Markantestes Gebäude ist der 146 Meter hohe Bremer Fallturm, in dem Forscher für wenige Sekunden sogar die Schwerelosigkeit simulieren können. 

Raumschiff Orion

„Ohne Bremen könnten die Amerikaner nicht auf den Mond und zurück“, sagt der Bremer Raumfahrtkoordinator im Gespräch mit unserer Redaktion. Er spielt mit seiner Aussage auf das Raumschiff Orion an. Nein, gemeint ist nicht die „Raumpatrouille“ bei der Major McLane, gespielt von Schauspieler Dietmar Schönherr, allerlei „phantastische Abenteuer“ erlebt hat. Monser bezieht sich auf das Nasa-Raumschiff mit dem Astronauten in der realen Welt im Rahmen des Artemis-Programms 2028 zum Mond und zurück wollen und für das bei Airbus in Bremen das Service-Modul ESM gefertigt werden. Einst wurde dort auch das Spacelab konstruiert und das Raumlabor Columbus, Europas Beitrag zur Internationalen Raumstation. 

Steigende Investitionen

Aber nicht nur für Mond-Missionen spielt der Nordwesten eine wichtige Rolle in Sachen Raumfahrt. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 investiert der Bund zunehmend in Verteidigung – und somit auch in die Raumfahrtbranche. Erstmals gibt es eine nationale Weltraumsicherheitsstrategie. Davon profitieren in Bremen ansässige Raumfahrtunternehmen wie OHB, Rheinmetall und Airbus Defence and Space. 

Ein Beispiel: In einer Kooperation sollen diese drei Unternehmen ein Netzwerk aus Satelliten im erdnahen Orbit, also in nicht allzu hoher Höhe, für die Bundeswehr errichten. Im ersten Schritt seien laut Monser circa 100 Satelliten geplant. Es sei aber damit zurechnen, dass letztlich 300 bis 400 Satelliten Teil des Systems sind. „Hier geht es erst einmal darum, die Bundeswehr weltweit zu vernetzen“, sagt Monser. Dies gehe über Telefonie hinaus und ermögliche es auch größere Datenpakete wie Bilder, Lagebeurteilungen und Einsatzinformationen. „Das ist für die Bundeswehr völliges Neuland“, sagt er. Zwar habe die Bundeswehr bereits Satelliten im All, allerdings handele es sich dabei um vereinzelte Satelliten, die sich in weiterer Entfernung zur Erde befänden und anderen Zwecken dienen. Mit dem geplanten Netzwerk kann sich die Bundeswehr also vom US-amerikanischen Satelliten-Internetdienst Starlink von SpaceX unabhängiger machen. 

Zivile und militärische Nutzung

Und was wird künftig der Fokus der Branche sein, die zivile oder die militärische Raumfahrt? Für Monser ist die Antwort klar: „Der Großteil der Raumfahrtindustrie ist und wird nach wie vor zivil ausgerichtet sein.“ Der Raumfahrtkoordinator weist aber auch darauf hin, dass die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Forschung beziehungsweise Nutzung in der Raumfahrt oft fließend sind. 

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Zur Person ...

Siegfried Monser (67) ist seit 2021 Raumfahrtkoordinator des Landes Bremen. Seine wichtigste Aufgabe sieht er in der Schnittstellenarbeit zwischen Raumfahrt-Industrie, Wissenschaft und Politik. Monser hat selbst einen Hintergrund in der Raumfahrt und war 25 Jahre in der Raumfahrtsparte von Airbus und deren Vorgängerunternehmen tätig.  

Am 16. April steht er beim Zukunftsfestival Growmorrow in Bremen auf der Bühne und spricht mit anderen Branchenfachleuten über das Thema „Next Orbit: Wie Europas Raumfahrt neu gedacht wird“.