
Energiewende in Deutschland: So kann der Umbau unseres Energiesystems gelingen
Erneuerbare Energien wachsen, Deutschlands Emissionen sind deutlich gesunken – doch Netze, Verkehr und Wärmeversorgung bleiben Baustellen. Wo die Energiewende heute steht und was passieren muss, damit sie gelingt.
Von Andreas Unterberg
Die Energiewende gehört zu den größten Infrastrukturprojekten Deutschlands. Sie betrifft längst nicht mehr nur die Frage, ob auf einem Feld Windräder stehen oder auf einem Dach Solarmodule liegen. Es geht darum, wie Du künftig heizt, wie Mobilität funktioniert, woher der Strom für Industrie und Haushalte kommt – und wie zuverlässig Energie verfügbar bleibt, wenn Kohle, Öl und Erdgas zunehmend aus dem System verschwinden.
Deutschland hat dabei bereits einen beträchtlichen Teil des Weges zurückgelegt. 2025 lagen die Treibhausgasemissionen bei rund 649 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten. Gegenüber 1990 entspricht das einem Rückgang von 48,2 Prozent. Allerdings gingen die Emissionen gegenüber 2024 nur noch um 0,1 Prozent zurück.
Das zeigt das zentrale Problem: Die Energiewende kommt voran. Aber Fortschritt allein reicht nicht – entscheidend ist das Tempo.
Was bedeutet Energiewende eigentlich?
Unter Energiewende wird der grundlegende Umbau der Energieversorgung verstanden: Fossile Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas sollen zunehmend durch klimafreundlichere Alternativen ersetzt werden. Im Zentrum stehen erneuerbare Energien, Energieeffizienz und die Elektrifizierung von Anwendungen, die bislang direkt fossile Brennstoffe nutzen.
Das betrifft mehrere Bereiche gleichzeitig:
Strom: Windkraft, Photovoltaik und andere erneuerbare Energien ersetzen fossile Stromerzeugung.
Wärme: Gebäude müssen weniger Energie benötigen und zunehmend ohne fossile Brennstoffe beheizt werden.
Verkehr: Elektromobilität, öffentlicher Verkehr und weitere klimafreundlichere Lösungen sollen den Verbrauch von Benzin und Diesel reduzieren.
Industrie: Produktionsprozesse müssen elektrifiziert oder beispielsweise mithilfe von klimafreundlich erzeugtem Wasserstoff umgestellt werden.
Infrastruktur: Stromnetze, Speicher und weitere flexible Kapazitäten müssen mit einem zunehmend erneuerbaren Energiesystem Schritt halten.
Die Energiewende ist deshalb kein einzelnes Projekt. Sie ist ein Umbau vieler miteinander verbundener Systeme.
Wo steht die Energiewende in Deutschland aktuell?
Beim Ausbau erneuerbarer Stromerzeugung ist die Entwicklung besonders sichtbar. Nach vorläufigen Zahlen der Bundesnetzagentur stieg die installierte Leistung erneuerbarer Energien 2025 um knapp 21 Gigawatt auf insgesamt knapp 210 Gigawatt. Das waren elf Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Besonders Solar- und Windenergie trieben den Ausbau.
Allein bei Photovoltaik kamen 2025 rund 16,4 Gigawatt hinzu. Ende des Jahres waren damit rund 117 Gigawatt Solarleistung installiert. Die Windenergie an Land erreichte eine Gesamtleistung von 68,1 Gigawatt.
Auch für den Klimaschutz ist dieser Ausbau relevant: Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes vermieden erneuerbare Energien 2025 rund 265 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Den größten Beitrag dazu leistete die erneuerbare Stromerzeugung.
Energiewende: Die wichtigsten Zahlen auf einen Blick
Wenn Du wissen willst, wie weit Deutschland gekommen ist, helfen einige Kennzahlen bei der Einordnung:
649 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente: So hoch waren Deutschlands Treibhausgasemissionen 2025.
48,2 Prozent weniger Emissionen: So stark sind die Emissionen seit 1990 gesunken.
Knapp 210 Gigawatt: So hoch war die installierte Leistung erneuerbarer Stromerzeugungsanlagen Ende 2025.
Knapp 21 Gigawatt: So viel erneuerbare Leistung kam allein 2025 hinzu.
265 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente: So viele Emissionen wurden 2025 rechnerisch durch den Einsatz erneuerbarer Energien vermieden.
Diese Zahlen zeigen zwei Seiten derselben Entwicklung: Beim Aufbau erneuerbarer Erzeugungskapazitäten passiert viel. Bei den gesamten Treibhausgasemissionen hat sich die Dynamik zuletzt dagegen deutlich abgeschwächt.
So kann die Energiewende gelingen
Die entscheidende Frage lautet also nicht mehr nur: Wie bauen wir möglichst viele erneuerbare Energien? Sondern: Wie entsteht daraus ein funktionierendes Gesamtsystem?
1. Erneuerbare Energien konsequent weiter ausbauen
Windkraft und Photovoltaik bilden zentrale Säulen des künftigen Stromsystems. Der starke Zubau der vergangenen Jahre muss deshalb weitergehen. Gleichzeitig muss der Ausbau mit Netzen und anderen Systemkomponenten abgestimmt werden.
2. Stromnetze passend zum neuen Energiesystem ausbauen
Die Stromerzeugung verändert ihre geografische Struktur. Große Mengen Windstrom entstehen beispielsweise dort, wo nicht zwangsläufig die größten Verbraucher sitzen.
Netzausbau ist deshalb kein Nebenthema der Energiewende, sondern eine ihrer Voraussetzungen. Ohne ausreichende Transportkapazitäten kann zusätzliche Erzeugungsleistung allein die strukturellen Herausforderungen des Stromsystems nicht lösen.
3. Stromerzeugung und Verbrauch flexibler machen
Ein erneuerbares Stromsystem braucht Möglichkeiten, Schwankungen auszugleichen. Speicher, flexible Verbraucher und steuerbare Kapazitäten gewinnen damit an Bedeutung.
Für Dich kann das langfristig bedeuten, dass nicht nur entscheidend ist, wie viel Strom Du verbrauchst, sondern stärker auch, wann Du ihn nutzt.
4. Gebäude und Wärmeversorgung stärker einbeziehen
Die Energiewende darf nicht am Stromzähler enden. Ein großer Teil des Energieverbrauchs entsteht beim Heizen und bei der Warmwasserbereitung.
Damit der Umbau gelingt, müssen deshalb auch Gebäude effizienter werden und fossile Energieträger in der Wärmeversorgung zunehmend ersetzt werden.
5. Verkehr schneller dekarbonisieren
Ausgerechnet dort, wo fossile Energieträger besonders sichtbar zum Alltag gehören, bleibt viel zu tun. Nach Angaben des Umweltbundesamtes stiegen die Treibhausgasemissionen des Verkehrs 2025 gegenüber dem Vorjahr um 1,5 Prozent.
Die Energiewende braucht deshalb auch eine Verkehrswende: weniger Abhängigkeit von fossilen Kraftstoffen und mehr klimafreundliche Mobilität.
6. Industrie und Energiewende zusammendenken
Für energieintensive Unternehmen ist die Transformation besonders anspruchsvoll. Produktionsanlagen laufen über Jahrzehnte, Investitionen sind teuer und Unternehmen benötigen Planungssicherheit.
Gleichzeitig kann eine zunehmend erneuerbare Stromversorgung neue Möglichkeiten schaffen. Elektrifizierung und – dort, wo eine direkte Nutzung von Strom schwer möglich ist – Wasserstoff gehören zu den Optionen für die Transformation industrieller Prozesse.
