SPEAKER-INTERVIEW-REIHE
Annahita Esmailzadeh
„Leistung und Talent allein reichen oft nicht aus“
Das Interview mit Annahita Esmailzadeh führte Maike Schwinum
Stillstand ist für Annahita Esmailzadeh keine Option. Die IT-Managerin und Bestsellerautorin zählt zu den bekanntesten Stimmen der deutschen Wirtschaft, wenn es um die Zukunft der Arbeitswelt und Chancengleichheit geht. Mit ihren Büchern und Beiträgen in den sozialen Medien erreicht sie ein großes Publikum und regt immer wieder Debatten an.
Beim Growmorrow-Festival in Oldenburg spricht sie am 27. August über die Frage, was wir verlernen müssen, um in einer sich rasant verändernden Welt relevant zu bleiben. Vorab hat sie mit unserer Redaktion über ihren Karriereweg, unbequeme Wahrheiten im Berufsleben, den Umgang mit Veränderung und die Herausforderungen einer Arbeitswelt im Wandel gesprochen.
Sie sind in einer Arbeiterfamilie in München aufgewachsen und haben Karriere in der Tech-Branche gemacht. Wenn Sie heute auf Ihren Werdegang zurückblicken: Was hat Sie am stärksten geprägt?
Wahrscheinlich der frühe Blick dafür, dass Chancen sehr ungleich verteilt sind. Ich bin nicht mit akademischem oder wirtschaftlichem Startkapital aufgewachsen. Man lernt früh, sich Dinge selbst zu erarbeiten. Gleichzeitig hat mich das angetrieben. Ich wollte verstehen, warum manche Menschen wie selbstverständlich gefördert werden und andere sich jeden Schritt erst verdienen müssen. Diese Erfahrungen haben meinen Blick für die Bedeutung von Leistung, aber auch von Netzwerken, unsichtbaren Spielregeln und strukturellen Hürden geschärft.
Sie beziehen oft klar Stellung. Gibt es dabei Kritik oder Gegenwind – und wie gehen Sie damit um?
Mit Reichweite und einer klaren Meinung geht Gegenwind automatisch einher. Wer sichtbar ist und Haltung zeigt, wird nie nur Zustimmung bekommen. Für mich ist entscheidend zu unterscheiden, ob es Kritik ist, aus der ich etwas lernen kann, oder ob jemand versucht, mich kleinzumachen. Konstruktive Kritik nehme ich ernst. Aber ich habe längst aufgehört, den Anspruch zu haben, von allen verstanden oder gemocht zu werden.
Ihr zweites Buch heißt „Was du nicht hören willst“. Was war die unbequemste Wahrheit, die Sie selbst erst lernen mussten?
Dass Leistung und Talent allein meistens nicht ausreichen. Viele glauben, gute Arbeit werde irgendwann automatisch gesehen. Das stimmt leider nicht immer. Sichtbarkeit, Beziehungen, Timing und das Verständnis dafür, wie Macht und Entscheidungen in Organisationen funktionieren, spielen eine deutlich größere Rolle, als uns lieb ist. Diese Erkenntnis war für mich unbequem, weil ich selbst lange an das Leistungsversprechen geglaubt habe.
Viele Menschen haben das Gefühl, ständig mithalten zu müssen – neue Technologien, neue Trends. Wie gehen Sie mit diesem Gefühl um?
Ich versuche nicht, jedem Trend hinterherzulaufen, sondern die Muster dahinter zu verstehen. Gerade in der Tech-Branche entsteht schnell der Eindruck, man müsse alles kennen und zu allem eine Meinung haben. Das ist aber unmöglich. Mich interessiert weniger, was heute gehypt wird, sondern was langfristig verändert, wie wir arbeiten, entscheiden oder führen.
Sie sprechen viel über Veränderung. Aber gibt es etwas, woran Sie festhalten?
Ja, an meinen Grundüberzeugungen. Man sollte jederzeit bereit sein, seine Meinung zu ändern, wenn es bessere Argumente gibt. Aber das ist etwas anderes, als seine Werte ständig dem Zeitgeist anzupassen. Ich halte an Fairness, Integrität und Respekt fest. Die Welt verändert sich permanent – gerade deshalb braucht man Konstanten.
Welchen Satz können Sie im Berufsleben nicht mehr hören?
„Lass dir Zeit.“ Dieser Satz wird oft benutzt, um Entscheidungen zu vertagen, Verantwortung zu verschieben oder Veränderung auszubremsen. Viele Organisationen haben kein Erkenntnisproblem, sie haben ein Umsetzungsproblem. Sie warten auf den perfekten Zeitpunkt oder die letzte Sicherheit. Nur kommt dieser Moment meistens nicht. Das gilt auch für Karrieren. Viele warten so lange, bis sie sich hundertprozentig bereit fühlen. Dabei entstehen die größten Entwicklungsschritte oft dann, wenn man sich etwas zutraut, obwohl man noch nicht alles kann.
Ihr Vortrag beim Growmorrow-Festival trägt den Titel „Die gefährlichste Entscheidung ist Stillstand“. Was bedeutet Stillstand für Sie?
Stillstand beginnt für mich in dem Moment, in dem wir glauben, ausgelernt zu haben. Das gilt für Menschen genauso wie für Unternehmen. Wer sich zu lange auf vergangene Erfolge verlässt, läuft Gefahr, von der Zukunft überrascht zu werden. Nicht Veränderung ist das Risiko. Das eigentliche Risiko ist zu glauben, dass das, was gestern funktioniert hat, morgen automatisch auch noch funktionieren wird.

Zur Person ...
Annahita Esmailzadeh ist Tech-Managerin, Bestseller-Autorin und Speakerin. Nach Stationen bei SAP und Microsoft beschäftigt sie sich heute mit den Themen moderne Führung, Diversität, Inklusion und Zukunft der Arbeitswelt. Mit ihren Büchern und Beiträgen zählt sie zu den prägenden Stimmen im deutschsprachigen Wirtschafts- und Tech-Umfeld.