SPEAKER-INTERVIEW-REIHE

Dr. Julia Freudenberg

„Mit drei Zeilen Programmier-Code das Leben einfacher machen“

Das Interview mit Dr. Julia Freudenberg führte Daniel Kodalle

Wie gelingt digitale Bildung an deutschen Schulen? Dr. Julia Freudenberg ist Geschäftsführerin der Hacker School – einer Initiative, die bundesweit Kindern und Jugendlichen erste Programmier-Erfahrungen ermöglicht. Am Mittwoch, 26. August, ist sie auf dem Zukunftsfestival Growmorrow in Oldenburg zu Gast und spricht auf der YOUNG Stage zum Thema „#hacktheworldabetterplace: Hacken und/oder Handwerk?“. Im Interview mit unserer Redaktion spricht sie über Motivation, Notwendigkeit und die Rolle von ehrenamtlichen IT-Expertinnen und Experten.

Frau Dr. Freudenberg, Sie sind Geschäftsführerin der Hacker School. Worum geht es bei Ihrer Organisation?

Wir sind eine Initiative, die Kinder und Jugendliche durch Programmieren für KI- und Zukunftskompetenzen begeistern will. Es geht darum, Selbstwirksamkeit und Lust auf Zukunft zu vermitteln. Wir bringen ehrenamtliche IT-Expertinnen und -Experten, die das lieben, was sie tun, mit Kindern zusammen, damit diese vor Technik keine Angst haben, sondern vielmehr selbst erfahren, was sie damit alles gestalten können.

Warum sollen Kinder und Jugendliche programmieren lernen? Das könnte doch die KI übernehmen.

Ein grundlegendes Verständnis ist enorm wichtig. Wer den Prinzipien von Code und Technik nicht nachgeht, bleibt in der Nutzung von KI oberflächlich und kann sie nicht mündig einsetzen. Programmieren ist für mich das digitale „Krabbeln“: Kinder sollten unbedingt diesen ersten Kontakt haben, um Angst abzubauen und um zu verstehen, wie zum Beispiel auch KI funktioniert. Nach unseren vier Stunden in der Klasse haben die Kinder vielleicht kein Zertifikat, aber sie haben Mut und ein grundlegendes Verständnis entwickelt.

In welchen Altersgruppen und Klassen sind Sie aktiv – und reichen diese vier Stunden?

Unser Schwerpunkt liegt auf der sechsten bis neunten Klasse, also bei Kindern zwischen zwölf und 15 Jahren. Wir bauen einfache Spiele oder Webseiten mit Makecode, HTML oder Python, um ihnen die Grundzüge zu zeigen. Es geht vor allem um Mut und Motivation – viele Mädchen glauben etwa, sie könnten nicht programmieren. Hier setzen wir an: Nach vier Stunden haben wir oft Spaß vermittelt und erste Hemmschwellen abgebaut.

Ist bei den Schülerinnen und Schülern schon Wissen vorhanden?

Im Schnitt haben 70 Prozent der Kinder noch nie programmiert. Weniger Vorerfahrung bedeutet, dass wir Grundlagen legen können und sehen, wie viel Motivation und Begeisterung entstehen. Informatikunterricht ist in den Schulen noch längst nicht flächendeckend – und es gibt viele Kompetenzlücken bei Lehrkräften, deswegen ist es wichtig, dass wir die Schulen extern unterstützen.

Diese Lücken wollen Sie für die Schüler mit den „Inspirern“, wie Sie Ihre Lehrkräfte nennen, schließen.

Genau, das sind Menschen, die begeistern und inspirieren sollen – deshalb nennen wir sie „Inspirer“. Sie kommen aus Unternehmen, Hochschulen oder sind einfach privat engagiert. Sie wollen Kindern Lust auf Zukunft machen und lernen dabei selbst auch viel von den Kindern. Das Engagement ist ehrenamtlich, wir haben etwa 3.500 ITlerinnen und ITler, die sich engagieren – virtuell oder vor Ort in Schulklassen.

Warum heißt es eigentlich Hacker School und nicht Programmer School?

Der Name kommt vom sogenannten „Hacker Mindset“: Im Alltag Dinge besser machen, kreativ Lösungswege suchen. Durch Programmieren können Kinder Hacks finden, die ihnen helfen, Probleme zu lösen. Etwa, wie sie mit drei Zeilen Code und einem micro:bit – also einem programmierbaren Mini-Computer – das Wasser im Hühnerstall im Winter heizen können, damit sie nicht selbst immer wieder zum Stall gehen zu müssten, um das Wasser zu tauschen. Das ist die Idee: Kinder dazu bringen, das Leben durch Technik zu verbessern und keine Angst vor Digitalisierung zu haben.

Wie sieht die Organisation aus – welche Regionen und Bundesländer erreichen Sie, und wie funktioniert die Finanzierung?

Wir sind bundesweit aktiv. 80 Prozent unserer Arbeit wird durch Stiftungsgelder und Soziallotterien finanziert. Wir gehen aktiv auf Stiftungen zu – manchmal melden sich auch Unternehmen, die in ihrer Region Kurse fördern möchten. Schulen melden sich oft eigeninitiativ und erhalten kostenlos Kurse, dank Spenden und Förderern.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass mehr Unternehmen und Stiftungen sich engagieren, um die Hacker School an noch mehr Schulen zu bringen – auch weil ihre eigenen Auszubildenden und Studierenden mit Kindern arbeiten und so selbst profitieren.

Bildgröße NL (10)

Zur Person ...

Dr. Julia Freudenberg ist CEO und Gesicht der gemeinnützigen Hacker School. Seit 2017 setzt sie sich dafür ein, Kinder und Jugendliche fürs Programmieren zu begeistern und digitale Bildung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu verankern. Zuvor war sie viele Jahre in Sales- und Managementpositionen in der Wirtschaft tätig. Heute zählt sie zu den prägenden Stimmen für digitale Bildung, Chancengleichheit und Zukunftskompetenzen in Deutschland.