SPEAKER-INTERVIEW-REIHE

Nena Brockhaus

„Leistung ist für mich Garant für Freiheit“

Das Interview mit Nena Brockhaus führte Dirk Reineke

Von Work-Life-Balance hält Bestsellerautorin Nena Brockhaus nichts – genauso wie von politischen Parolen für Mehrarbeit. Ein Gespräch über ihre Alternative, Freiheit, Freizeit – und die künftige Kanzlerin?

In ihrem jüngsten Buch „Mehr Geld als Verstand“ fühlt Autorin, Moderatorin und Journalistin Nena Brockhaus vor allem dem Fiskus auf den Zahn. Beim Growmorrow-Festival in Oldenburg legt sie als Speakerin den Finger in eine Generationswunde: Work-Life-Balance hält die 33-Jährige für die „Lebenslüge unserer Zeit“.

Nena, wann machst Du heute Feierabend?

Also gestern war mein Arbeitstag erst um halb zwei nachts zu Ende. Die aktuelle Talkpause widme ich ganz dem Schreiben meines neuen Buches. Und weil ich nachts am konzentriertesten arbeite, wird aus einem Schreibabend nicht selten vier Uhr morgens.

Bist Du ein Workaholic?

So würden mich vermutlich Menschen beschreiben, die mit mir arbeiten. Ich selbst würde mich lieber als Verfechterin des Leistungsglücks bezeichnen.

Das musst Du erklären.

Dass sich heute so viele Menschen nach einer Work-Life-Balance sehnen, liegt aus meiner Sicht auch daran, wie Politik über Arbeit spricht. Die Politiker sollten weniger über Zumutungen sprechen und stärker vermitteln, was Leistung auch sein kann: erfüllend, sinnstiftend und befreiend. Leistung ist für mich Garant für individuelle und finanzielle Freiheit.

Für viele bedeutet Freiheit aber auch Freizeit.

Das ist aus meiner Sicht eines der Probleme der Generation Z. Sie betrachtet Arbeit und Freizeit oft als zwei strikt voneinander getrennte Welten. Für mich sind sie eher zwei Kreise, die sich durchaus überschneiden dürfen. Mir tun Menschen leid, die nach einem langen Berufsleben in Rente gehen und Arbeit nie als mehr empfunden haben als eine Pflicht. Mein Vater war Handwerksmeister. Das ist die Berufsgruppe, die die Politiker immer bemitleiden. Und urteilen, dass eben jene nicht mit über 60 noch arbeiten können. Für ihn war das ein befremdlicher Gedanke. Er hat sein Leben lang gesagt, wie froh er sei, kein Bürohengst zu sein. Das hat mich geprägt. Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft eine andere Debatte führen. Nicht länger darüber, wie wir möglichst wenig arbeiten müssen. Sondern darüber, wie wir Arbeit für mehr Menschen zu etwas machen, das Sinn stiftet und Erfüllung gibt. Denn genau darin liegt für mich das Leistungsglück.

Was hast Du gegen Freizeit?

Ehrlich gesagt tut mir diese Frage immer ein bisschen leid. In meinen Zwanzigern war ich oft diejenige, die erst um halb zwölf auf den Geburtstagen ihrer Freunde auftauchte, weil ich vorher gearbeitet habe. Ich bin überzeugt: Wer beruflich Außergewöhnliches erreichen will, muss zunächst bereit sein, Außergewöhnliches zu leisten. Man investiert am Anfang mehr, um sich die späteren Freiheiten zu erarbeiten. Die Zwanziger sind dafür oft die beste Zeit. Man hat die Energie, die Belastbarkeit und meist auch weniger Verpflichtungen als später. Deshalb dürfen wir jungen Menschen ruhig wieder sagen: Traut euch, an eure Grenzen zu gehen. Geht die Extrameile. Leistet mehr als erwartet. Denn Leistung eröffnet Chancen. Und Chancen eröffnen Freiheit. Natürlich braucht jeder Erholung, und selbstverständlich sollte man am Wochenende auch mal das Handy ausschalten. Aber ich glaube nicht daran, dass Arbeit und Leben Gegensätze sind. Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung muss man sich erarbeiten. Und sie gibt vielen Menschen etwas, das zu oft unterschätzt wird: das gute Gefühl, aus eigener Kraft etwas erreicht zu haben.

Wie steht es heute damit?

Mich irritiert, dass heute zum Beispiel Arbeitslosigkeit gesellschaftlich oft weniger stigmatisiert ist als noch in der Generation meiner Eltern. Ich bin mit dem Gedanken aufgewachsen, dass ein gesunder Mensch zunächst jede zumutbare Arbeit annehmen sollte, bevor er staatliche Leistungen in Anspruch nimmt. Diese Haltung teile ich bis heute. Natürlich ist das Arbeitslosengeld eine Versicherungsleistung, in die viele zuvor eingezahlt haben. Trotzdem finde ich, dass wir gesellschaftlich wieder stärker vermitteln sollten: lieber einen Job annehmen, als beim Amt die Hand aufzuhalten. Arbeit sollte der Normalfall sein. Arbeitslosigkeit die Ausnahme. Ein junger Mann, mit dem ich heute oft zusammenarbeite, hat früher an einer Tankstelle gearbeitet, weil er nicht arbeitslos sein wollte. Genau diese Haltung imponiert mir. Nicht darauf warten, dass der perfekte Job kommt, sondern anpacken. Davon wünsche ich mir mehr.

Wie sollten wir Deiner Meinung nach in Zukunft arbeiten?

Grundsätzlich müssen wir wieder mehr leisten – und zwar jeder Einzelne. Wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Hauruck-Moment. Wir können nicht länger die ganze Verantwortung an die Politik abgeben. Ein Land, das den Glauben an den Aufstieg verliert, verliert auch einen Teil seiner Zukunft. Und das passiert gerade. Um wieder zu einer Aufsteigerrepublik zu werden, müssen wir wieder darüber sprechen, was Familien, was Schulen, was Unternehmen und was Politik dazu beitragen können. Damit sich Leistung lohnt, brauchen wir aber natürlich auch die passenden Rahmenbedingungen: mehr Netto vom Brutto zum Beispiel. Also wenn ich Bundeskanzlerin wäre, würde ich sagen: Wer seine Beitragsjahre geleistet hat, darf alles, was er über die Rente hinaus verdient, steuerfrei behalten. Wir müssen wieder Anreize geben, genauso mit der Auszahlung von Überstunden. Gleichzeitig müssen die Abgaben runter.

Unser amtierender Kanzler ist aber auch ein ganz ordentlicher Verfechter des Leistungsprinzips, oder?

Ich finde, dass in dieser Hinsicht vor allem Katherina Reiche als Wirtschaftsministerin einen guten Job macht. Sie setzt sich für Leistung und Arbeit ein. Nicht, indem sie den Menschen Vorhaltungen macht, sondern indem sie ein einfaches Prinzip verkörpert: Erst muss das Geld erwirtschaftet werden, bevor es verteilt werden kann. Einer der klügsten Schachzüge von Friedrich Merz war aus meiner Sicht, sie in sein Kabinett zu holen. Für mich wäre Katherina Reiche auch die passendere Besetzung für das Kanzleramt. Wer ein Land führen will, muss Menschen für etwas begeistern und sie mitnehmen. Die Debatte darf sich nicht länger darauf beschränken, gegen die Vier-Tage-Woche oder die Work-Life-Balance zu argumentieren. Die Politik und besonders Kanzler Merz müssen selbst ein positives Leitbild formulieren: die Freude an Leistung, den Stolz, etwas aus eigener Kraft zu schaffen, und die Freiheit, die daraus entsteht. Dafür steht für mich der Begriff „Leistungsglück“. Das ist die Geschichte, die wir viel selbstbewusster erzählen sollten.

Nena Brockhaus

Zur Person ...

Nena Brockhaus ist Wirtschaftsjournalistin, fünffache SPIEGEL-Bestsellerautorin, Moderatorin, Kolumnistin und politische Kommentatorin. Nach ihrem Studium in Maastricht und der Handelsblatt-Journalistenschule veröffentlichte sie mit 26 Jahren „Unfollow“, das wie ihre drei Folgebücher SPIEGEL-Bestseller wurde. „Alte WEISE Männer“ hielt sich ein Vierteljahr auf der Liste, ihr jüngstes Buch „Mehr Geld als Verstand“ stieg auf Platz eins ein. Nach Stationen bei „Handelsblatt“, „Wirtschaftswoche“ und „Bunte“ moderierte Brockhaus von 2021 bis 2023 die BILD-Polit-Talkshow „Viertel nach Acht“, in der sie auch kritischeren Stimmen Raum gab. Seit 2024 schreibt sie die Focus-Online-Kolumne „Was Nena meint“ und kommentiert für WELT die

Innenpolitik. Seit November 2025 moderiert sie dreimal wöchentlich „Meinungsfreiheit mit Nena Brockhaus“ auf WELT TV. Zudem ist sie regelmäßig in „Maischberger“, „Stern TV“, „ZDF Heute – 13 Fragen“ und dem „Sat.1 Frühstücksfernsehen“ zu Gast. Michel Abdollahi bezeichnete sie als „das Gegenstück zu Luisa Neubauer und Sophie Passmann“.

Nena Brockhaus bei Growmorrow Oldenburg: Warum Work-Life-Balance für sie kein Thema ist