SPEAKER-INTERVIEW-REIHE
Sabine Joos
„Man darf nicht auf den perfekten Zeitpunkt warten“
Das Interview mit Sabine Joos führte Sabrina Wendt
Beim Zukunftsfestival Growmorrow steht eine zentrale Frage im Raum: Wie machen wir unsere Betriebe fit für morgen? Sabine Joos vom Center für lebenslanges Lernen (C3L) in Oldenburg kennt die Hürden im Arbeitsalltag. Die Expertin weiß, dass Wandel oft an Zeitmangel oder Perfektionismus scheitert. Im Interview spricht sie darüber, wie Unternehmen ihre Mitarbeiter aktiv einbinden und warum ein kurzes Online-Video für echtes Dazulernen nicht ausreicht.
Sabine, Unternehmen stehen heute unter enormem Druck durch KI, Digitalisierung und den Fachkräftemangel. Oft scheitert der nötige Wandel im Alltag. Ihr setzt auf „Innopreneurship“. Was genau ist das?
Das Wort klingt zunächst riesig, beschreibt aber eine ganz konkrete Haltung. Es geht darum, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Verantwortung übernehmen, Veränderungen anstoßen und Chancen erkennen – und zwar völlig unabhängig von ihrer Position auf der Visitenkarte. Der Wandel lässt sich heute nicht mehr an eine einzelne Abteilung delegieren. Man braucht Menschen im gesamten Betrieb, die Lust haben, ihn mitzugestalten.
Wie helft ihr mit dem Center für lebenslanges Lernen, dem C3L, dabei, diese Leute fit für den Wandel zu machen?
Wir machen akademische Bildung für den Arbeitsalltag tauglich. Wer berufstätig ist, sich neu orientiert oder Job und Familie unter einen Hut bringen muss, braucht flexible und praxisnahe Formate. Das Besondere ist, dass wir Wissen nicht nur vermitteln, sondern es direkt mit aktueller Forschung verzahnen. Die Praxiserfahrung, die die Menschen aus den Unternehmen mitbringen, trifft bei uns auf ein wissenschaftliches Fundament.
Wie sieht das in der Praxis aus? Inwiefern profitiert ein Betrieb vom C3L?
Das reicht von berufsbegleitenden Studiengängen wie Innovationsmanagement oder BWL bis hin zu spezifischen Weiterbildungen zum Thema Wasserstoff für Fach- und Führungskräfte. Meistens entsenden Firmen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unsere bestehenden Programme. Wenn der Schuh aber an einer ganz speziellen Stelle drückt, entwickeln wir gemeinsam maßgeschneiderte Workshops oder mehrmonatige Trainings, die sich reibungslos in den Arbeitsalltag der Belegschaft einfügen.
Lebenslanges Lernen klingt toll, scheitert in der Realität aber oft an fehlender Zeit…
Absolut. Wir kennen das alle. Die Schreibtische sind voll und das Tagesgeschäft wartet nicht. Natürlich kann man sich nach Feierabend schnell ein Video im Netz anschauen. Um im Betrieb aber wirklich etwas zu verändern, reicht das nicht aus. Es braucht begleitendes Coaching, den Austausch in einer Community und den Transfer in die Praxis. Wer das Gelernte anhand konkreter Projekte direkt in seinem Job anwendet, erzielt echte Wirkung. Das bietet das C3L.
Man sagt häufig, dass die Niederländer bei neuen Ideen sofort loslaufen, während wir Deutsche noch den Prozess perfektionieren. Warum tun sich viele Firmen trotzdem so schwer, einfach mal loszulegen?
Da ist viel Wahres dran. Oft herrscht in Betrieben einfach Ratlosigkeit. Der Druck ist da, die Ideen vielleicht auch, aber die Rahmenbedingungen sind unsicher. Also wartet man ab. Dabei ist es viel riskanter, gar keine Entscheidung zu treffen. Man darf nicht auf den perfekten Zeitpunkt warten. Innovation entsteht durch mutige, kleine Schritte. Dafür braucht es allerdings eine Unternehmenskultur, in der Fehler erlaubt sind.
Gibt es ein Praxisbeispiel, wie ihr Firmen bei diesem Loslaufen unterstützt?
Ein sehr gutes Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit dem IQON, das den Transfer zwischen Forschung und Wirtschaft vorantreibt. Wir haben gemerkt, dass Innovationsprojekte im Unternehmen oft versanden, wenn es dort keine treibenden Kräfte gibt. Deshalb starten wir im November gemeinsam das Training „Innopreneurship: Digitale Transformation“. Das Besondere daran ist das „Challenge-based Learning“. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bringen ein echtes Projekt aus ihrem Betrieb mit, das sie dann mithilfe von Innovationssprints und Coaching direkt umsetzen.
Ihr begleitet Unternehmen schon seit 20 Jahren. Wie schätzt du Oldenburg als Innovationstreiber ein?
Oldenburg ist ein wahnsinnig starker Bildungsstandort, aber für Außenstehende ist das oft unübersichtlich. Wir müssen noch transparenter machen, welches Angebot welchen konkreten Mehrwert liefert. Die Region muss Weiterbildung als genauso wichtige Zukunftsressource begreifen wie neue Technologien. Denn die beste Idee bringt nichts ohne die Menschen, die sie umsetzen können.
Ihr seid aber nicht der einzige Bildungsanbieter in der Region. Konkurriert man da nicht unweigerlich miteinander?
Im Gegenteil, ich nehme in Oldenburg an vielen Stellen eine große Offenheit wahr. Die Stadt hat eine tolle Gründungsszene und enorm viel zu bieten. Die verschiedenen Anbieter stehen hier sehr partnerschaftlich nebeneinander und unterstützen sich gegenseitig. Man sieht sich nicht als Konkurrenz, sondern man ergänzt sich. So können Unternehmen und Interessierte an ganz unterschiedlichen Stellen bei uns im Netzwerk andocken – je nachdem, in welcher Phase sie sich gerade befinden und was sie konkret benötigen.
Wenn wir genau dieses Netzwerk betrachten und fünf Jahre in die Zukunft schauen: Was hat das C3L bis dahin im Idealfall in Oldenburg verändert?
Mein Wunsch für die nächsten fünf Jahre wäre, dass Hochschulen, Bildungsanbieter und Wirtschaft noch enger zusammenrücken. Ich wünsche mir, dass wir echte Synergien schaffen und die Weiterbildung in der Region für jeden noch viel leichter zugänglich und passgenauer auf den Bedarf zugeschnitten ist.
Vernetzung ist auch das perfekte Stichwort für das Growmorrow-Festival. Du stehst dort auf der Bühne. Was ist deine Kernbotschaft?
Wenn wir über Innovation sprechen, denken alle sofort an KI und Technik. Das sind wichtige Bausteine, aber Innovation beginnt im Kopf, bei der Lernbereitschaft. Meine Botschaft ist: Wartet nicht auf den perfekten Moment. Fangt einfach an, traut euch etwas und nutzt dieses großartige Netzwerk hier vor Ort, um euch dabei gegenseitig den Rücken zu stärken.

Zur Person ...
Sabine Joos studierte Soziologie, Erziehungs- und Informationswissenschaft und arbeitete rund 15 Jahre in Kommunikation, Marketing und Fundraising. Über ein Bildungs-Start-up fand sie zu ihrem Schwerpunkt Bildung und gesellschaftlicher Wandel. Seit 2020 entwickelt sie am C3L Bildungsprojekte und -programme, seit 2023 strategische Kooperationen mit Unternehmen, Verbänden, Kammern, Hochschulen und Bildungsanbietern. Nach dem Collective-Impact-Ansatz entstehen so innovative Bildungsangebote für Herausforderungen wie Fachkräftemangel, technologischen Wandel und eine veränderte Arbeitswelt.